Marco Ripanti: Das Netz lebt seit jeher von Offenheit
Gepostet von Roland Panter am 8. Februar 2010 in Interview, Network Relations | Kommentare deaktiviert
In unregelmäßigen Abständen befragt Network Relations Fachleute, Trendsetter, Forscher und Mitmacher aus dem Bereich Social Media.
Diesmal sprechen wir mit Marco Ripanti, Inhaber der Agentur Ekaboo und Chef der Internetplattform YIID über das Thema Offenheit, Schutz der Privatsphäre und Datenschutz in Sozialen Netzwerken. YIID wurde übrigens für die INTERNET WORLD Business-Idee 2010 nominiert.
Network Relations: Herr Ripanti, der Gründer von Facebook, Mark Zuckerberg, sorgte Anfang dieses Jahres für Wirbel, als er das Ende des Datenschutzes ausrief (Quelle). Wie haben Sie diese Diskussion erlebt?
Marco Ripanti: Zuckerberg hat sich sicherlich keinen Gefallen getan mit seinen Äußerungen. Die Kontroverse um Facebooks veränderte Privatsphäreneinstellungen kochte ja bereits seit Ende des vergangenen Jahres hoch und erzeugte ein überaus negatives Echo, sowohl bei den Usern, als auch in den Medien. Dass sich Zuckerberg dann in einem Interview so aus der Reserve locken lässt und eine, in meinen Augen mehr als lapidare Begründung für die Offenlegung von ungeheuren Mengen an User-Informationen abliefert, zeugt nicht gerade von Feinfühligkeit für das aktuelle öffentliche Meinungsbild. Natürlich muss man auf der anderen Seite berücksichtigen, dass Facebook niemanden dazu zwingt, den Suchmaschinen Einblick in sein Profil zu gewähren. Dies lässt sich über die Einstellungsmenüs ja wieder korrigieren. Was die Sache wirklich problematisch macht und einen längeren Nachhall erzeugt, ist der vermittelte Eindruck, Zuckerberg und Facebook wüssten, wohin sich soziale Normen bewegen. Das wirkt anmaßend und spricht dem Netzwerk bzw. seinen Betreibern eine Bedeutung zu, die ich für übertrieben halte. Die Bedürfnisse und durchaus vorhandenen Befürchtungen und Ängste vieler User dürfen nicht mit dem Glauben an einen „allgemeinen Trend“ einfach abgebügelt werden. Anders ausgedrückt: Die Änderung der Privatsphäreeinstellungen auf Facebook hätte „demokratischer“ durchgeführt und der Öffentlichkeit mit einer fundierteren Begründung präsentiert werden müssen. Getreu dem Motto: “You don’t own a community“.
Wie betrachten Sie die Problematik mit der neuen Offenheit im Netz? Bzw. ist es überhaupt eine Problematik?
Zunächst stellt sich die Frage, was ist die neue Offenheit überhaupt? Das Netz lebt seit jeher von Offenheit, kreativen Synergien, Wissensaustausch und der Überwindung von Grenzen. Der daraus entstandene Nutzen für die Menschen ist zweifelsohne gewaltig, im beruflichen wie privaten Sektor. Was wir aktuell erleben und sich am ehesten als neue Offenheit beschreiben lässt, ist für mich die zunehmende Möglichkeit, zwischen Plattformen zu interagieren und diese miteinander zu vernetzen. Mit wenigen Klicks ist es mir nun möglich, mehrere Netzwerke mit meinen Statusupdates zu füttern, Kontakte zu importieren oder Bekannte in weiteren Netzwerken zu finden. Der Zugang zu Einzelpersonen ist darüber hinaus so leicht wie nie zuvor. Bestes Beispiel dafür ist sicherlich die Flut an Prominenten, an deren Leben man jetzt bei Twitter fast aus nächster Nähe teilhaben kann.
Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang den Wunsch nach Abgrenzung – heißt, im realen Leben teilt man auch nicht alle Informationen mit jedem – wie organisiert man das im Web?
Jedem Skeptiker sei gesagt, dass das Internet einen nicht zwingt, Informationen mit Dritten zu teilen. Das scheint momentan gerne in Vergessenheit zu geraten. Es bleibt immer noch meine eigene Entscheidung, ob und wie aktiv ich mich im Netz präsentiere und wie ich Privatsphäre persönlich definiere. Wer ein starkes Mitteilungsbedürfnis hat, kann seine Präferenzen genauso ausleben, wie jemand, der eher zurückhaltend ist und lieber eine Beobachterperspektive einnehmen möchte. Es gilt also, für sich die richtige Art der Teilnahme festzulegen. Was möchte ich eigentlich im Netz erreichen, wie möchte ich mich präsentieren, wo liegen meine Interessensschwerpunkte? Diese Fragen sollten beantwortet sein, dann steht einer angenehmen „Netzexistenz“ nichts im Wege. Zusätzlich sollte man über die Netzwerke, an denen man teilnimmt im Bilde sein, sich mit den Privatsphäreeinstellungen vertraut gemacht haben und diese nach eigenem Ermessen nutzen. Um noch einmal auf Facebook und Twitter zurückzukommen: Gerade in diesen beiden, teils heftig für ihre Offenheit kritisierten Social Networks zeichnet sich eine prägnante Veränderung der Netzwerk-Kultur ab, nämlich der Austausch von Nachrichten und Ereignissen aus dem globalen Rahmen. Die persönliche Statusmeldung wird oftmals als Nachrichtenmedium mit Verweis auf andere Quellen genutzt und weniger zur direkten Interaktion mit Bekannten und Freunden. Die preisgegebene Information enthält also oftmals weit weniger Erkenntnisse über den Veröffentlichenden selbst, als man vermuten würde.
Sie bieten selbst mit YIID ein Produkt an, was im weiteren Sinne diese Problematik bedient. Welche Philosophie verfolgen Sie dabei?
YIID ist ein sehr vielschichtiges Projekt, das in der Tat mit den gerade diskutierten Problemen zu tun hat. Die Idee hinter YIID ist im Grunde jedoch denkbar einfach: Wir bewegen uns im Netz meist auf einer Vielzahl von Plattformen und stellen uns dementsprechend passend zu dem im jeweiligen Netzwerk herrschenden „Kodex“ dar. Wie wäre es, alle Online-Identitäten eine Users auf einer einzigen Seite zusammenzubringen? Auf www.yiid.com bekommt der Besucher ein Profil mit einer festen Internetadresse zugewiesen, die gleichzeitig über die sogenannte OpenID Authentifizierung auf anderen Seiten zur Anmeldung verwendet werden kann. Dieses Profil funktioniert wie eine elektronische Visitenkarte. Ich gebe Informationen über mich an und kann auf dieser Visitenkarte sämtliche von mir genutzte Internet Communities anzeigen lassen. YIID bündelt also zahlreiche Onlineprofile und ermöglicht mir gleichzeitig, mich barrierenfrei im Netz zu bewegen, ohne ständig neu Profildaten eingeben zu müssen. Zusätzlich bieten wir dem Nutzer ein Archiv von mittlerweile über 1000 Social Networks, die man passend zu den eigenen Interessen durchforsten und nutzen kann.
Was meinen Sie, wie sollte man die Datenschutzproblemtik lösen und wie wird sie vermutlich tatsächlich durch die Politik gelöst?
Die Datenschutzproblematik ist von einer solchen Komplexität, dass man als Einzelperson unmöglich eine umfassende Bewertung dazu abgeben kann. Sicherlich sollte jeder die Möglichkeit bekommen, Herr über seine Daten zu sein. Wie das letztlich technisch umgesetzt wird, obliegt den jeweiligen Anbietern der Dienste. Ich persönlich befürchten allerdings, dass die Politik gerade in Deutschland versuchen wird, den Anbietern vorzuschreiben, wie eine solche Realisierung von Maßnahmen auszusehen hat, was im Gegensatz zu meiner Vorstellung von einem offenen Web steht. Statische Mechanismen und Richtlinien sind – bei allem Respekt vor dem Datenschutz – immer auch eine Gefahr für die freie Entwicklung im Internet. Wir stehen also vor einem sehr schwierigen Grenzgang zwischen dem notwendigen Schutz von personenbezogenen Daten und einer möglichen Einschränkung der Entwicklungsfreiheit.
Vielen Dank für Ihre Gedanken, wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg mit Ekaabo und YIID!
Weitere Informationen über Marco Ripanti finden Sie hier:
https://www.xing.com/profile/Marco_Ripanti
http://de.linkedin.com/in/ripanti
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