Thomas Pfeiffer: „62.000 deutsche Twitter-Accounts“

In unregelmäßigen Abständen befragt Network Relations Fachleute, Trendsetter, Forscher und Mitmacher aus dem Bereich Social Media. Diesmal sprechen wir mit Thomas Pfeiffer von den Webevangelisten.de. Mit seiner Zählung der deutschsprachigen Twitter-User sorgte er kurz vor der CeBIT 2009 für Aufregung in der Twittergemeinde. Seine Auswertung ergab schließlich nur eine Zahl 38.000 deutschsprachigen Twitterusern, andere Schätzungen bewegten sich da in weit höheren Regionen.

Network Relations: Herr Pfeiffer, wie kamen Sie auf die Idee Twitter-User zu zählen?
Thomas Pfeiffer: Twitter war und ist überall in den Medien präsent und ich habe mich dadurch gefragt, wie viele Leute in Deutschland tatsächlich bei Twitter aktiv sind. Die Zahlen, die damals kursierten reichten von 50.000 bis 80.000, aber das waren bloße Schätzungen ohne jede belastbare Grundlage. Also musste ich selbst zählen.

Wie aufwändig war die Entwicklung der Zählsoftware, wo lagen Hürden?
Meine Zählung basiert auf einer automatisierten Textanalyse. Um einen Text als deutschsprachig zu erkennen, gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann an einer charakteristischen Buchstabenverteilung erkennen, um welche Sprache es sich handeln könnte. Kommt z.B. ein „ß“ vor, handelt es sich fast zwangsläufig um deutschen Text. Ein anderes Beispiel: Das „n“ kommt im Deutschen sehr häufig vor, das „ö“ im Ungarischen. Dieses statistische Auswertungsverfahren stößt jedoch bei sehr kurzen Texten – mit weniger als 140 Zeichen – schnell an seine Grenzen. Etwa 20% der gefundenen Tweets waren gar nicht deutsch, sondern holländisch oder englisch.

Also habe ich mich für ein anderes Zählverfahren entschieden. Anhand einer Liste mit 400 eindeutig deutschsprachigen Begriffen filtere ich aus der öffentlichen Suche bei Twitter die deutschen Tweets heraus. Schwierig ist dabei, keine Begriffe zu verwenden, die auch in anderen Sprachen vorkommen, wie. z.B. „fast“ im Englischen oder „hier“ im Französischen.

Wie wurden Ihre Ergebnisse denn innerhalb der Twittergemeinde aufgenommen?
Ich gebe jetzt dieses Interview. :-)

Die Zahl der 38.000 User ist jetzt ja schon einige Wochen alt. Haben Sie weitergezählt?
Ja. Im April haben ca. 62.000 deutschsprachige Accounts getwittert, wobei ein Fünftel  dieser Accounts auch erst im April eröffnet wurden. Die Hälfte aller aktiven Twitterati hat ihren Account erst seit Mitte Februar. Seit da wird im Schnitt alle drei bis vier Minuten ein deutschsprachiger Account auf Twitter eröffnet.

Interessant ist dabei, dass drei von vieren auch einen Monat später noch auf Twitter aktiv sind, die sogenannte Retention-Rate (Rückkehrerquote) liegt bei ungefähr 78%. Nielsen hat vor kurzem eine Retention-Rate von nur 40% ermittelt (wir berichteten), hier halte ich das methodische Vorgehen allerdings für falsch. Nielsen hat nur die Zugriffe auf die Website ausgewertet, knapp die Hälfte der deutschsprachigen Twitterati nutzt aber Desktop- oder mobile Clients, die nicht in diese Statistik einfließen.

Und Sie haben alle Quellen berücksichtigt?
Ja, das habe ich. Alle 60 Sekunden greife ich auf die öffentliche Suche bei Twitter zu und filtere sämtliche geposteten Tweets, egal von welcher Quelle.

Neben den der Twitteranalyse stehen Sie hinter Twitterthemen.de. Was hat es damit auf sich?
Auf http://twitterthemen.de bieten wir verschiedene Analysetools für Twitter an. Sie finden dort zum Beispiel eine Schlagwortwolke mit den häufigsten Hashtags im deutschsprachigen Twitterraum. Diese werden auch zweimal täglich über den Account @de_themen getwittert. Wer wissen will, wer die meisten @replies bekommen hat, findet auch dazu eine Antwort.

Zu großen Veranstaltungen, wie dem gerade zu Ende gegangenen PolitCamp oder der Next Conference gibt es zusätzlich eigene Tagclouds.

Beim Modul Zeitverlauf kann man nachsehen, zu welcher Uhrzeit welcher Begriff getwittert wird.  Das Wort „Kaffee“ z.B. wird gegen 8 Uhr morgens am häufigsten erwähnt und am frühen Nachmittag noch einmal. Der  Begriff „Feierabend“  erreicht sein Maximum gegen 17 Uhr, was ja eigentlich nicht dafür spricht, dass bei Twitter hauptsächlich die digitale Bohème versammelt sei.

Auch die Twitterumfrage wurde von Ihnen initiiert, wie erfolgreich war die Umfrage?
Bei der Twitterumfrage.de haben 2.800 Personen teilgenommen. Interessant dabei ist, dass die ersten 2.100 davon innerhalb der ersten 24 Stunden teilgenommen haben, die restlichen 700 verteilten sich auf zwei Wochen. Twitter ist also wahnsinnig schnell. Zusammenfassend kann man sagen, die deutschen Twitterati sind jung (im Schnitt 32 Jahre), männlich (74%) und gebildet (78% haben Abitur). Jeder zweite stammt aus der Medien- oder Marketingbranche und jeder Vierte ist nach eigenen Angaben Führungskraft oder Unternehmer/in.

Wie beurteilen Sie denn die Perspektiven für Twitter und Co.? Wohin wird die Entwicklung gehen?
Da ist derzeit noch vieles offen. Spannend ist z.B., was man mit Microblogging innerhalb eines Unternehmens zur Projektkoordination tun kann. Dazu gibt es erste Versuche und Diplomarbeiten, aber noch kein schlüssiges und evaluiertes Konzept.

Was Twitter anbelangt, denke ich, könnte es zu einer Art „Long Twail“ kommen: Jeder findet auf Twitter seine Nische. Die einen nutzen es als zusätzlichen Nachrichtenkanal und abonnieren die Tweets von Prominenten oder „etablierten Medien“; andere interessieren sich für ihre Bekannten und Freunde, und wieder andere bauen sich ein sehr weitläufiges Netzwerk von lockeren Verbindungen mit Personen auf, die man außerhalb von Twitter gar nicht kennt.

Viele rätseln  im Moment  über ein zukunftsfähiges Ertragsmodell für Twitter. Was schätzen Sie, wie wird Twitter zu einem geschäftlichen Erfolg für die Gründer?
Twitter möchte sich derzeit ein möglichst großes Stück vom Microblogging-Kuchen  reservieren. Der nächste Konkurrent identi.ca hat weit abgeschlagen einen Marktanteil von  weniger als 1%.  Momentan kann sich Twitter nur selbst im Weg stehen. Zu oft ist die Seite schlecht erreichbar und lädt zu langsam. 

Ich kann nicht nachvollziehen, warum sich Google nicht für Twitter interessiert. Es würde  zu ihrem Geschäftsfeld passen; und (fast) nur Google hat die (Rechen)-Power, einen Microblogging-Dienst im großen Stil zu betreiben.

Hat das Einflüsse auf andere Angebote, zum Beispiel die großen Social Networks?
Nur Facebook springt in Deuschland auf den Twitterzug auf und bietet eine Synchronisation mit Twitter an. XING, StudiVZ und Lokalisten machen das (noch) nicht. Es bleibt abzuwarten, ob Microblogging so etwas wie der Klebstoff zwischen verschiedenen Networks sein kann. Ein Viertel der deutschen Internetuser nutzen immerhin zwei oder mehr Netzwerke, wie eine aktuelle ForschungsWerk-Studie belegt. Twitter könnte also so was wie „Network Relations“ herstellen. :-)

Herr Pfeiffer, herzlichen Dank für das interessante Interview. Wir freuen uns, auch zukünftig Ihre Auswertungen zu Twitter zu lesen.

Alle statistischen Angaben finden Sie ausführlich unter http://webevangelisten.de. Weitere Informationen über Thomas Pfeiffer finden Sie hier: http://webevangelisten.de/  |  http://twitterthemen.de/  |  http://twitterumfrage.de/  |  https://www.xing.com/profile/Thomas_Pfeiffer40

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